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2014 ist Europäisches Jahr des Gehirns
2014 ist Europäisches Jahr des Gehirns

2014 ist Europäisches Jahr des Gehirns

Universitätsklinik für Neurologie und Österreichische Gesellschaft Neurologie (ÖGN):2014 ist Europäisches Jahr des Gehirn:220,7 Millionen Menschen in Europa leiden an neurologischen Erkrankungen

Es gibt es keine Gesundheit ohne Gehirngesundheit. Das Gehirn ist für alles verantwortlich, was wir tun. Es ist die Basis unserer Persönlichkeit, Gedanken, Gefühle und Eigenschaften, aber auch der Ursprung vieler schwerer chronischer Krankheiten. Den aktuellen Daten des European Brain Council (EBC) zufolge  leiden in Europa  220,7 Millionen Menschen an einer neurologischen Erkrankung. Kopfschmerzen (152,8 Millionen Betroffene) führen die Liste der häufigsten neurologischen Erkrankungen an, gefolgt von Schlafstörungen und -erkrankungen (44,9 Millionen), Schlaganfall (8,2 Millionen) und Demenzerkrankungen (6,3 Millionen).
Das hat enorm belastende Auswirkungen auf die davon betroffenen Patientinnen und Patienten, auf deren soziales Umfeld, die Gesellschaft und die Gesundheitssysteme. Dieser Tatsache trägt das Europäische Jahr des Gehirns 2014 Rechnung, das vom European Brain Council ausgerufen wurde. Zahlreiche Organisationen von Wissenschaftlern, Fachkräften des Gesundheitswesens, Patienten und der Industrie unterstützen diese Initiative auf europäischer Ebene. Ziel ist, das Bewusstsein für das Thema Gehirn und Gehirngesundheit in der breiten Öffentlichkeit, in der Wissenschaft und in der Politik zu schärfen.
Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) greift diese Initiative auf und nützt sie konsequent für Information und Aufklärung zu neurologischen Themen: Es geht zum Beispiel um die Früherkennung neurologischer Krankheiten, also um den möglichst frühzeitigen Besuch bei Neurologin oder Neurologen, um rasch zu einer kompetenten Diagnose zu kommen. Es geht bei Akutfällen wie dem Schlaganfall darum, die Symptome richtig zu deuten und schnell die Rettung zu rufen. Insgesamt geht es darum, Menschen mit neurologischen Krankheiten ehestmöglich an das diagnostisch-therapeutische System heranzuführen, und das setzt Wissen und Bewusstsein voraus.
Die ÖGN wird deshalb 2014 nicht nur intensiv Medienarbeit betreiben, um möglichst viele Menschen mit ihren Botschaften zu erreichen. Diesem Zweck dienen auch Informationsbroschüren, Patientenveranstaltungen und Kontakte mit gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern.

Umfassendes Leistungsspektrum an der Salzburger Universitätsklinik für Neurologie
Die Universitätsklinik für Neurologie an der Christian Doppler Klinik in Salzburg versorgt das Bundesland Salzburg, Teile Bayerns und der angrenzenden Bundesländer mit Leistungen aus der neurologisch-psychiatrischen Diagnostik. Auch Behandlungen zur Rehabilitation von akuten oder chronischen Krankheitsbildern aus dem neurologisch-psychiatrischen Bereich und die Diagnose und Behandlung von Epilepsie gehören zum Leistungsspektrum. Ein umfassender Schwerpunkt der Universitätsklinik für Neurologie liegt auf der Abklärung und Behandlung von Schlaganfällen. „Jährlich betreuen wir rund 800 Schlaganfallpatientinnen und –patienten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die sehr hohe Lyserate von rund 25 Prozent“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Eugen Trinka, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie.

Weitere wichtige Bereiche sind die Behandlung von Schmerzsyndromen, Wurzelirritationen und Bandscheibenvorfällen. „Die Universitätsklinik setzt auch Schwerpunkte bei der Behandlung von kognitiven Störungen und entzündlichen Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS). Eine Tagesklinik sowie Ambulanzen und Spezialambulanzen komplettieren die klinische Versorgung“, berichtet Prof. Trinka. „Neben Forschungsschwerpunkten in klinischer Epileptologie, kognitiver Neurologie und Neuroimaging sowie klinischer Neuropsychologie beschäftige ich mich auch eingehend mit den Gesundheitswissenschaften und Public Health“, so Trinka.

Das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung fördert auch das interuniversitäre Projekt „Magnetenzephalographie für Österreich“ der Paris-Lodron Universität Salzburg, der Christian-Doppler Klinik und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität. Die Fördersumme des Bundes beträgt 2,23 Millionen Euro.

Die Epilepsien – eine gesundheitspolitische und neurowissenschaftliche Herausforderung:
Der Salzburger Epilepsie Experte Univ.-Prof. Dr. Eugen Trinka erklärt: „Epilepsien sind, was viel zu wenig bekannt ist, die häufigsten schweren neurologischen Krankheiten. Die globale Krankheitslast durch Epilepsien, gemessen durch die sogenannten DALYs  stieg zwischen 1990 und 2010 um 30 Prozent an. 2010 war die Krankheitslast durch Epilepsien höher als jene durch die Alzheimer-Krankheit und andere Formen der Demenz, MS und Parkinson-Krankheit gemeinsam.“ Mit der Zunahme des Anteiles älterer Menschen in unserer Bevölkerung steigt auch die Anzahl der neuerkrankten EpilepsiepatientInnen im Alter steil an. In der WHO-Region Europa sind rund 6 Millionen Menschen an einer Epilepsie-Form erkrankt, in Österreich sind es rund 80.000. Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu überschießenden Entladungen von Nervenzellen im Gehirn, vergleichbar einem Gewitter im Kopf. Das führt zu einer kurzen Funktionsstörung der betroffenen Nervenzellverbände.
Eine aktuelle Studie (Schmidt, Schachter; BNJ, 2013) zeigt, dass die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Epilepsien wesentlich höher ist als bisher vermutet. Die oft ernsten Komorbiditäten einschließlich Verletzungen, Ertrinken, Depression und Angst assoziiert mit einer hohen Suizidrate, tragen zu einer dreimal so hohen Mortalität bei Menschen mit Epilepsie als in der Gesamtbevölkerung bei. Eine aktuelle österreichische Untersuchung (Trinka et al, Epilepsia 2012), die 3.334 Patienten mit diagnostizierter Epilepsie bis zu 30 Jahre lang beobachtete, führt zu alarmierenden Einsichten:

  • Patienten mit diagnostizierter Epilepsie haben während ihres ganzen Lebens ein höheres Sterberisiko, speziell aber in den ersten zwei Jahren nach der Diagnose;
  • Die Zahl der Todesfälle im Vergleich zur Standardpopulation ist besonders hoch bei jüngeren Patienten und bei Patienten mit Anfällen („symptomatische Epilepsie“);
  • Anfalls-freie Patienten haben das niedrigste Risiko eines vorzeitigen Todes in jeder Altersstufe, was die Bedeutung einer wirksamen Anfalls-Prophylaxe betont.


Das Ziel einer Epilepsie-Behandlung ist die Anfallsfreiheit. Etwa 70 Prozent der Patienten könnten diese erreichen, wenn bei ihnen die richtige Diagnostik und die richtige Therapie eingesetzt werden. Allerdings erhalten viele noch immer nicht die notwendige kompetente medizinische Betreuung, die sie benötigen. Obwohl die Lage in Österreich deutlich besser ist als im Durchschnitt Europas, besteht auch hierzulande eine Mangel an niedergelassenen Neurologen und Epilepsiespezialisten in ländlichen Gebieten und Gebirgsregionen.
Ein klares Behandlungsdefizit besteht aber auch, weil viele Patienten, die Antiepileptika einnehmen, unter zahlreichen unerwünschten Wirkungen leiden und bei bis zu 30 Prozent mit antiepileptischen Medikamenten keine Anfallsfreiheit hergestellt werden kann.
Die Elemente einer erfolgreichen Epilepsie-Therapie: Nach der Diagnose müssen Neurologin oder Neurologe das richtige Antiepileptikum für ein konkretes Epilepsiesyndrom auswählen. Die Auswahl des individuell richtigen Medikaments ist oft schwierig, weil Antiepileptika sich nicht grundsätzlich in ihrer Wirksamkeit, aber stark in ihrer Verträglichkeit unterscheiden. 30 bis 40 Prozent der Patienten benötigen ein weiteres Medikament, weil sie mit einem Antiepileptikum alleine keine Anfallsfreiheit erreichen. Versagt diese medikamentöse Therapie, sollten Patienten an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden und die Möglichkeit eines epilepsiechirurgischen Eingriffs geprüft werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei bestimmten Epilepsieformen die Erfolgsaussichten nach Epilepsiechirurgie bei 80 bis 90 Prozent liegen. Wesentliche Fortschritte wurden dabei durch die technische Entwicklung im Bereich der neurologischen Bildgebung, wie Magnetresonanztomographie (MRT), oder Positronenemissionstomographie (PET) erzielt. In Zentrum für kognitive Neurowissenschaften Salzburg wird ein vom Bund gefördertes interdisziplinäres Magnetencephalographie Labor gemeinsam mit der Christian Doppler Klinik und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität aufgebaut.  Damit wird nicht nur eine bessere Lokalisation des epileptogenen Areals erzielt, sondern auch wesentliche Fortschritte in der Erforschung kognitiver Prozesse.  Auch nach dem Einsatz epilepsiechirurgischer Verfahren und bei ungenügender Anfallskontrolle gibt es weitere innovative Therapiemethoden wie z. B. Neurostimulationsverfahren, Radiochirurgie und Radiotherapie.
Epilepsien bedeuten eine starke finanzielle Belastung für Patienten und ihre Familien. Dazu kommen versteckte Belastungen wie Stigmatisierung und Diskriminierung von Epilepsie-Kranken und deren Familien am Arbeitsplatz, in der Schule und im Bekanntenkreis. Soziale Isolation, emotionaler Stress, die Abhängigkeit von der Familie, schlechte Arbeitschancen und persönliche Verletzlichkeit tragen zum Leiden Epilepsie-Kranker bei. Wegen der Ernsthaftigkeit dieser Störung und ihrer psychosozialen Dimension ist es besonders besorgniserregend, dass Epilepsien sehr oft suboptimal diagnostiziert und behandelt werden. Neuere Medikamente haben zwar zusätzliche Behandlungsoptionen gebracht, doch sie verringern nicht die Häufigkeit Medikamenten-resistenter Epilepsie oder das Entstehen von Epilepsie bei Menschen mit hohem Risiko wie z. B. Schlaganfall oder traumatischen Gehirnverletzungen. Deshalb muss die Entwicklung neuer antieptileptischer Medikamente engagiert vorangetrieben werden. Hier bedarf es der Anstrengung von Grundlagenforschern und klinisch tätigen Wissenschaftlern, um geeignete antieptileptische Medikamente, wirksame Biomarker und ein geeignetes Design klinischer Studien zu entwickeln. (French et al. Epilepsia 2013, Trinka and Brigo CON, 2014)
Neue Zugänge zur Therapie von Epilepsie sind also dringend erforderlich. Forschungsbemühungen beziehen sich derzeit auf Stammzellen-basierte und Gentransfer-basierten Behandlungen, auf Therapieansätzen wie Neuropeptide, neurotrophe Faktoren, inhibierende Neurotransmitter und auf molekulargenetische Zugänge, die eine so genannte optogenetische Technologie nützen. (Sorensen, Kokaia; Epilepsia) Einige Beispiele:

  • Der körpereigene inhibitorische Botenstoff Adenosin entfaltet im Gehirn eine nervenschützende und antiepileptische Wirkung. Weil Adenosin starke Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System hat, kann es nicht systemisch verabreicht werden. Eine lokale und nebenwirkungsfreie Anwendung soll möglich werden, indem gentechnisch veränderte Adenosin-freisetzender Zellen in die Nähe eines epileptischen Fokus implantiert werden.
  • Nervenwachstumsfaktoren („neurotrophe Faktoren“) spielen eine zentrale Rolle bei der Bildung von Nervenzellen aus bestimmten Stamm- oder Vorläuferzellen („Neurogenese“). Sie kontrollieren Wachstum, Differenzierung und Überleben von Nervenzellen und sind an der Signalübertragung beteiligt. Ohne diese Moleküle sind keine Lern- und Reparatur¬vorgänge möglich. Innovative Ansätze gehen davon aus, dass neurotrophe Faktoren in der Epilepsie-Therapie der Zukunft von Bedeutung sein werden.
  • So gehen neue Ansätze der Entwicklung menschlicher Zelllinien, die den Neurotransmitter (Botenstoff) Galanin und das Neuropeptid Y (NPY) produzieren, und deren Auswirkung auf epileptische Anfälle nach. So genannte virale Vektoren sollen Nervenwachstumsfaktoren in das Gehirn übermitteln und auf diese Weise epileptische Anfälle unterdrücken. Virale Vektoren sind gezielt veränderte Viruspartikel, die in der Gentechnik dafür verwendet werden, genetisches Material in Zielzellen zu schleusen.
  • Eine mögliche Ursache für Epilepsien ist ein Mangel an so genannten GABA-ergen Interneurone, die im Gehirn eine inhibitorische Wirkung haben. Die Injektion von embryonalen Neuronen in bestimmte Hirnregionen hat bei Mäusen die Anfallsfrequenz bei einer bestimmten Epilepsieform gesenkt.
  • Die so genannte Optogenetik beschäftigt sich mit der Kontrolle von genetisch modifizierten Zellen mittels Licht: bestimmte funktionelle Ereignisse sollen in spezifischen Zellen oder lebenden Geweben an- oder abgeschaltet werden. Dabei werden lichtempfindliche Proteine auf gentechnischem Weg durch Manipulation des entsprechenden Gens verändert und anschließend in bestimmte Zielzellen eingebracht. Unter Lichteinfluss ist es anschließend möglich, das Verhalten der modifizierten Zellen zu kontrollieren.


Alle genannten Verfahren haben gewisse Vorteile und gewissen Nachteile, und derzeit ist noch nicht abzusehen, welche das stärkste Potential aufweist. Nachdem weitere klinische Evaluationen vorgenommen werden, gewinnen solche unkonventionellen neuen Behandlungsstrategien offensichtlich zunehmend Unterstützung als mögliche alternative Zugänge für Epilepsietherapie. Für eine konkretere Einschätzung sind weitere klinische Studien erforderlich.

Neurologische Versorgung gehört auf die Agenda der Politik und Gesundheitsverwaltung
Weil es auch um Fragen der Versorgung geht, gehört das Thema Neurologie auf die Agenda der Politik und Gesundheitsverwaltung: Wir brauchen eine angemessene Versorgungssituation mit einer größeren Zahl von Neurologinnen und Neurologen, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Wie bedeutsam neurologische Kompetenz ist, zeigt das Beispiel Demenz: Rund 20 Prozent der Demenzpatienten haben eine andere Erkrankung als Alzheimer, z.B. Schilddrüsenfunktionsstörungen oder „stumme“ Schlaganfälle ohne erkennbare Symptome. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht hier spezifische Behandlung und in vielen Fällen sogar Prävention. Aber auch Schwindel, Vergesslichkeit, Gang- oder Sprachstörungen, Muskel- und Nervenschmerzen etc. haben oft neurologische Ursachen. Weil diese Beschwerden in der Bevölkerung nur zum Teil mit dem Fach Neurologie in Zusammenhang gebracht werden, wenden sich viele Betroffene nicht oder zu spät an einen Neurologen oder eine Neurologin: das bedeutet verspätete Diagnose und Therapie und häufig eine schlechtere Prognose.
Bei einer Reihe neurologischer Krankheiten haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren aufgrund intensiver Forschungsarbeit deutlich verbessert, zum Beispiel bei Multipler Sklerose, Schlaganfall oder Parkinson. Dass sich die Neurologie damit von einem früher eher diagnostisch orientierten zum therapeutischen Fach entwickelt hat, bringt einen wachsenden Bedarf an Neurologinnen und Neurologen mit sich. Dies den Stakeholdern unseres Gesundheitssystems bewusst zu machen, ist eines der Ziele des Jahres des Gehirns.

Enorme Zunahme neurologischer Krankheiten in einer älter werdenden Gesellschaft
Es muss auch Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass viele neurologische Krankheiten in Zukunft geradezu explosionsartig zunehmen werden: Weil wir immer älter werden, und viele neurologischen Krankheiten im Alter häufiger auftreten. Schlaganfall, Parkinson, Alzheimer, etc. bedeuten eine große Herausforderung für die Gesundheitssysteme.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO verwendet als ein maß der Gesamtbelastung durch eine Erkrankung DALYs (Disability Adjusted Life Years: Zahl der verlorenen Lebensjahre durch vorzeitigen Tod kombiniert mit dem „Verlust“ an Lebensjahren durch Behinderung, dabei werden Jahre multipliziert mit einem bestimmten Faktor je nach Höhe der Behinderung). Sie hat errechnet3, dass die DALYs aufgrund von neurologischen Erkrankungen von prognostizierten 95 Millionen (2015) bis zum Jahr 2030 auf 103 Millionen ansteigen werden – um mehr als 9 Prozent. In besonderem Maß sind dafür Alzheimer und andere demenzielle Erkrankungen (plus 37 Prozent von 2015 auf 2030) oder zerebrovaskuläre Erkrankungen (plus 13 Prozent) verantwortlich.

Enorme wirtschaftliche Belastung der Gesundheits- und Sozialsysteme
Neurologische Erkrankungen verursachen nicht nur erhebliches Leid und Verlust an Lebensqualität, sie belasten auch die Gesundheits- und Sozialsysteme mit erheblichen Kosten. Laut den vom European Brain Council publizierten Zahlen schlagen sich die Gesamtkosten neuro-psychiatrischer Erkrankungen in den europäischen Volkswirtschaften  mit 798 Milliarden Euro pro Jahr zu Buche – das sind mehr als die durch Krebs oder kardiovaskuläre Erkrankungen verursachten Kosten. Die hohen Gesamtkosten gehen nur zu 37 Prozent auf direkte Gesundheitskosten zurück, der Rest sind direkte nicht medizinische Kosten (23 Prozent) und indirekte Kosten (40 Prozent), die beispielsweise aufgrund von Produktivitätsausfällen durch Krankenstände und Frühpensionierungen entstehen.
Für Österreich geht die europäische Experten/-innen-Gruppe von einer volkswirtschaftlichen Belastung durch neuropsychiatrische Erkrankungen von rund 16 Milliarden Euro pro Jahr aus, das ist eine Pro-Kopf-Last von 1.910 Euro. Bei den Pro-Kopf-Kosten liegt Österreich dieser Erhebung zufolge an vierter Stelle nach Luxemburg, Großbritannien und Norwegen.
Neurologische Krankheiten im engeren Sinn  belasten Europa den EBC-Daten zufolge mit 336 Milliarden Euro im Jahr, 122 Milliarden entfallen je auf direkte Behandlungskosten und direkte nicht-medizinische Kosten, 93 Milliarden sind indirekte Kosten.
Vorbeugende Maßnahmen liegen auch in der Verantwortung jedes Menschen
Im Rahmen des Europäischen Jahr des Gehirns sollen möglichst viele Menschen darüber informiert werden, welche Rolle sie bei der Vorbeugung neurologischer Krankheiten spielen können.

  • Ein Beispiel ist die Schlaganfallvorbeugung. Die Öffentlichkeit muss konsequent davon überzeugt werden, dass Blutdruck, Übergewicht; Blutfette kontrolliert und ggf. mittels Lebensstiländerung und Medikamenten beeinflusst werden sollten, dass Rauchen erheblich zum Schlaganfallrisiko beiträgt, ebenso Vorhofflimmern, eine häufige, altersassoziierte Herzrhythmusstörung, die abgeklärt und meist mittels Blutverdünnung behandelt werden muss. Und dass sie bei Verdacht auf einen Schlaganfall rasch reagieren und unbedingt die Rettung rufen sollen. Mit 35 hochspezialisierten Schlaganfallstationen (Stroke Units) gehört Österreich zu den Ländern mit dem besten Versorgungsgrad. Dennoch besteht auch auf diesem Gebiet Ausbaubedarf.
  • Dieselben Risikofaktoren spielen auch bei der Entwicklung von Demenzerkrankungen eine Rolle. Zusätzlich wissen wir, dass ein körperlich, geistig und sozial aktiver Lebensstil helfen kann, das Risiko zu senken.
  • Ein weiteres Beispiel ist der chronische Schmerz, von dem Untersuchungen zufolge jeder 5. Mensch in Österreich betroffen ist. Schmerz hat seinen Ursprung im Gehirn, ist assoziiert mit persönlichem Leid und hohen Kosten für Arbeitsunfähigkeit und Frühpension – das gilt etwa für den Rückenschmerz. Rückenschmerz kann vorgebeugt werden. Ist er einmal da, kann häufig durch geeignete Maßnahmen die gefürchtete – und teure – Chronifizierung abgewendet werden. Ohne die aktive Mitwirkung Betroffener ist das nicht möglich.

Weitere intensive Forschungsbemühungen sind nötig
Gefordert ist aber auch die Wissenschaft: Trotz bedeutsamer Fortschritte der Gehirnforschung in den vergangenen Jahrzehnten sind manche Funktionsweisen des Gehirns noch immer nicht gänzlich nachvollziehbar. Hier bedarf es weiterer intensiver Forschungsbemühungen, gerade weil angesichts der Zunahme neurologischer Krankheiten immer bessere Diagnosen und Therapien besonders wichtig sind.
Eine Leistungsschau der österreichischen Neurologie bietet die Jahrestagung der ÖGN, die von 26. bis 29. März in Salzburg stattfindet.

Gute Noten für Österreichs Neurowissenschaften – Förderung von interdisziplinärer Forschung im Verbund
Die Neurowissenschaften haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einem interdisziplinären Newcomer zu einer zentralen, für alle anderen Wissenschaften relevanten Leitwissenschaft entwickelt. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren die Möglichkeiten, das Gehirn wissenschaftlich zu untersuchen, sehr eingeschränkt. Der Sprung von der Beobachtung zellulärer Strukturen zum Verständnis von deren Funktion war noch nicht getan. Beeindruckende Fortschritte in Fächern wie Genetik und Molekularbiologie, und die Entwicklung von neuen, nicht-invasiven Verfahren zur strukturellen und funktionellen Bildgebung des Gehirns haben dieses Verständnis vorangetrieben.

Das brachte eine Reihe von sehr positiven Konsequenzen mit sich: Im Verständnis der Entstehung von – einst „mysteriösen“ – Erkrankungen wie der Alzheimer-Erkrankung, der Multiplen Sklerose und der Parkinsonerkrankung wurden enorme Fortschritte erzielt. Die klinische Praxis in der Neurologie hat sich durch die Einbindung von genetischen Untersuchungen, neuen molekularen Testverfahren, und der Anwendung nicht-invasiver Bildgebung des Gehirns (insbesondere MRT) grundlegend gewandelt.

Eine für Patienten besonders relevante Konsequenz: Die Neurologie schafft zunehmend erfolgreich den Sprung vom weitgehend diagnostischen hin zum therapeutischen Fach, wir können aus neuen Erkenntnissen immer besser therapeutisches Kapital schlagen.

Bei diesen Entwicklungen spielt die österreichische Neurologie erfolgreich mit, ihre Leistungen können sich sehen lassen. Der Österreichische Wissenschaftsrat hat, unterstützt von internationalen Experten, die Stärken und Schwächen der klinischen Neurowissenschaften in Österreich evaluiert. Die Situation wurde insgesamt als sehr gut bewertet, das Fachgebiet besitze internationale Ausstrahlung. Es gibt in Österreich eine Reihe international hervorragend ausgewiesener klinisch-wissenschaftlicher Schwerpunkte, insbesondere neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz und Parkinson, neuroimmunologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Schlaganfall und Epilepsie. Weitere Schwerpunkte, die in der Evaluierung sehr gut abgeschnitten haben, sind die Analyse von Biomaterialien (Anm.: Biobanken mit der Sammlung von Erbmaterial), die Neuropädiatrie, die Neurogastroenterologie, die neurologische Genetik und die Schmerzforschung. Eine Bilanz, auf die österreichische Neurologie stolz sein kann, und von der auch unseren Patientinnen und Patienten profitieren.

Nachholbedarf, das attestierte uns auch der Wissenschaftsrat, haben wir bei der interdisziplinären Forschung, speziell bei der Integration von Grundlagenforschung und klinischer Forschung. Empfohlen wurden integrierte „Neurozentren“ und Forschungsaktivitäten, die disziplinäre Grenzen zwischen den Medizinischen Universitäten und den Lebens-, Geistes- und Sozialwissenschaften überwinden. Gefordert werden mehr multizentrischer kooperative Forschungsprojekte, die sich aus starken, oft komplementär ausgerichteten Gruppen an einzelnen Standorten ergeben. Ein Beispiel für solche derzeit vielerorts und intensiv angedachten integrierten Zentren sind die so genannten „Kopfzentren“: Dort sollen Neurologen, Neurochirurgen, Neuroradiologen etc. mit Grundlagenforschern kooperieren und ihre Expertise austauschen. Besonders aussichtsreiche Chancen werden solche interdisziplinären Kooperationen in den Bereichen Gehirn-Bildgebung, Multiple Sklerose, Schlaganfall, Demenz, Bewegungsstörungen und Neurodegeneration attestiert. Bestehende nationale Kooperationen wie das Schlaganfallregister und das prospektive Demenzregister (PRODEM) sollten ausgebaut werden.

Das Wissenschaftsministerium hat im Vorjahr die Vergabe jenes Teils der Hochschulraumstrukturmittel (HSRSM) ausgeschrieben, der als Anschubfinanzierung für Kooperationsprojekte vorgesehen ist. Im Bereich der Neurowissenschaften fördert das Ministerium eine Interuniversitäre Neuroimaging-Plattform Wien-Innsbruck-Graz („Neuroimage-WING“): In diesem Forschungsverbund soll z. B. die Kooperation der drei MedUnis bei der computerunterstützten Bilddatenverarbeitung und ihrer Weiterentwicklung, und die Erstellung gemeinsamer nationaler Datenbanken zur Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Damit sollen auch die Aussichten auf öffentliche und private finanzielle Mittel im EU-Raum steigen.

Gefördert wird auch das Projekt „BIG-WIG MS“ („Bildgebung, Immunpathogenese, Gesundungsfaktoren – Wien, Innsbruck, Graz – bei Multipler Sklerose“) zur Einführung einer einheitlichen klinischen Forschungsdokumentation auf elektronischer Ebene. Diese soll den Datenaustausch zwischen den Universitäten im Rahmen der gemeinsamen Forschungsprojekte und die Teilnahme an internationalen Verbundprojekten erlauben.

Das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung fördert auch das interuniversitäre Projekt „Magnetenzephalographie für Österreich“ der Paris-Lodron Universität Salzburg, der Christian-Doppler Klinik und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität. Die Fördersumme des Bundes beträgt 2,23 Millionen Euro.

In Graz etablierte sich BioTechMed als ein Forschungsverbund der Medizinischen Universität, der Karl-Franzens Universität und der Technischen Universität, in dem Neurowissenschaften eine entscheidende Rolle spielen und in den ebenfalls Hochschulraumstrukturmittel einfließen. Insgesamt wurden die klinischen Neurowissenschaften damit durch das BM für Wissenschaft und Forschung durch Hochschulraumstrukturmittel in Höhe von etwa 2,3 Millionen Euro unterstützt, was sowohl die Qualität der eingereichten Projekte als auch die weiteren Erwartungen in unsere Forschungsbemühungen unterstreicht.

Teilnehmer:

  • Priv.-Doz. Dr. Paul Sungler, SALK Geschäftsführer
  • Priv.-Doz. Dr. Reinhold Fartacek, Ärztlicher Direktor Christian-Doppler-Klinik
  • Prim. Univ.-Prof. Dr. Eugen Trinka, Vorstand Universitätsklinik für Neurologie
  • Priv.-Doz. Dr. Regina Katzenschlager, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie

Rückfragen an:
Mag. Mick Weinberger
Leiterin SALK Unternehmenskommunikation & Marketing
SALK - Salzburger Landeskliniken Betriebsgmbh.
Müllner Hauptstraße 48
5020 Salzburg
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Mobil: +43/0676 89972 1007
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