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Sucht und Alter – Tabus aufbrechen und Betroffenen Hilfe zukommen lassen
Sucht und Alter – Tabus aufbrechen und Betroffenen Hilfe zukommen lassen

Grenzüberschreitendes INTERREG Projekt:„Sucht und Alter“– Tabus aufbrechen und Betroffenen Hilfe zukommen lassen

SALZBURG, BAYERN. Die Suchtproblematik bei älteren Menschen wird tabuisiert und kaum thematisiert. Mit dem grenzüberschreitenden INTERREG Projekt „Sucht im Alter“ wurden nun erstmals durch Befragung und objektive Biomarker Daten erhoben, wie weit die Menschen der Generation 60+ im Bundesland Salzburg und in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land von Süchten betroffen sind und auch darunter leiden. Darüberhinaus wurden ein Manual sowie Folder erstellt und die Ergebnisse bei verschiedenen Vortägen und einer Abschlusstagung vorgestellt. Laut Einschätzung von Hausärzten und Internisten in den Regionen hat nicht weniger als jeder zehnte Senior ein Suchtproblem. In Altersheimen hat diese erstmals durchgeführte umfangreiche Studie ergeben, dass mehr als sechs Prozent der Bewohner mit einer körperlichen und psychischen Abhängigkeit von Substanzen kämpfen. Vor allem der übermäßige Konsum von Tabak, Alkohol und Tabletten führt zu Suchtverhalten und den entsprechenden negativen körperlichen Begleiterscheinungen.

Tabak, Alkohol und Tabletten als größte Suchtgefahren
Der Startschuss zu dieser bisher umfangreichsten Untersuchung hinsichtlich des Suchtverhaltens der Generation 60+ erfolgte 2009. In dieser Zeit wurde im Bundesland Salzburg und in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land subjektive und objektive Daten über das Ausmaß der Suchtproblematik im Alter erhoben.
Das ernüchternde Ergebnis der Erhebung:

  • Nach Einschätzung von Hausärzten und Internisten haben ca. 10% der Patienten über 60 Jahren ein Suchtproblem. Am häufigsten wurden Tabakabhängigkeit, schädlicher Gebrauch von Alkohol, schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen (BZD) und schädlicher Gebrauch von Analgetika angegeben.
  • Ein ähnliches Bild zeichnen die Pflegedienstleitungen von Seniorenwohnheimen. Hier bestehe bei mehr als sechs Prozent der Heimbewohner ein Suchtproblem. Am häufigsten wurden Tabakabhängigkeit, schädlicher Gebrauch von Alkohol, schädlicher Gebrauch von Analgetika und schädlicher Gebrauch von BZD angegeben. Auch hier spielt Alkohol für die Pflegedienstleitung im Alltag eine größere Rolle als Tabakabhängigkeit.
  • Die Ergebnisse der Haaranalysen zeigen: 11.3% der SeniorenheimbewohnerInnen und 30.5% der PatientInnen in Krankenhäusern trinken mehr als 10 g Alkohol/Tag. Dieser Wert gilt als empfohlener Höchstwert
  • Analyse auf Benzodiazepine im Harn: 34.2% der SeniorenheimbewohnerInnen und 28.6% der PatientInnen nehmen BZD ein. Laut Auskunft der Pflege beträgt die  Dauer der Einnahme im Schnitt  3 Jahre. Gemäss evidenzbasierter Lietlinien sollte die BZD Verordnung 2-4 Wochen nicht überschreiten. 

Unterschiedliche Ergebnisse
Gerade in den Seniorenwohnheimen differiert die Einschätzung des Personals mit den Laboruntersuchungen erheblich. In den Pflege- und Wohnheimen konnten 455 Bewohner befragt werden.  Zu jedem Befragten wurde auch die Pflege befragt, unter anderem zu Konsum von Alkohol und Medikamenten, Daten aus der Pflegedokumentation und Verhaltensauffälligkeiten.
Bei mehr als einem Drittel der Bewohner konnte anhand der Laborergebnisse ein positiver BZD-Befund erhoben werden.  Die am häufigsten verschriebenen Substanzen waren den Laborergebnissen zufolge Triazolam und Diazepam. Die Pflege schätzt den Konsum von BZD wesentlich niedriger ein: So wird bei knapp einem Drittel der BZD-Positiven von der Pflege kein BZD-Konsum angegeben.
Einen exzessiven Alkoholkonsum (mehr als 60g Alkohol/Tag) weisen anhand der Laborergebnisse fast fünf Prozent auf, einen moderaten Konsum (10-60g Alkohol/Tag) mehr als sechs Prozent der Seniorenheimbewohner. Auch die Pflege schätzt schädlichen Gebrauch oder Abhängigkeit auf rund fünf Prozent. Die Bewohner selbst geben im gleichen Ausmaß in verschiedenen Verfahren Hinweise auf alkoholbezogene Störungen.

In den Krankenhäusern höhere Rate
Bei Menschen, die älter als 60 Jahre sind und in ein Krankenhaus eingeliefert werden, besteht laut Stationsärzten und Stationsleitungen bei rund einem Drittel der Patienten ein Suchtproblem. Auch hier sind Analgetika, schädlicher Gebrauch von BZD, Rauchen und schädlicher Gebrauch von Alkohol die Hauptverursacher. In den Krankenhäusern wurden 123 Patienten befragt. Zu jedem Patienteninterview wurde auch der behandelnde Arzt befragt, ob die Aufnahme im Zusammenhang mit Suchtmittelkonsum stehe (Alkohol, Medikamente, Nikotin, illegale Drogen) und ob eine entsprechende Diagnose aktuell oder in der Vergangenheit vorliege. Die Aufnahme stand dabei am häufigsten im Zusammenhang mit Medikamenten, gefolgt von Alkohol und Nikotin. Diagnosen lagen nach Auskunft der Ärzte  vor allem für Alkoholabhängigkeit bzw. schädlichen Gebrauch von Alkohol vor. Bei den Verfahren zur Selbstauskunft wurden im Krankenhaus doppelt so hohe Werte wie im Seniorenheim erreicht.

Umfassende Analyse
Insgesamt wurden mehr als 1.000 Personen befragt. Hausärzte, Internisten, Pflegedienstleistungen, Pflegekräfte, Patienten von Krankenhäusern und Bewohner von Seniorenwohnheimen in den betroffenen Regionen gaben in standardisierten Interviews Auskunft über die Beobachtungen und das tatsächliche Verhalten der Betroffenen. Um das Datenmaterial zu komplettieren wurden auch zusätzlich sogenannte Biomarker (Haare und Harn) von Bewohnern und Patienten genommen und ausgewertet. Damit können objektive Aussagen über den Konsum von Alkohol und Tabletten gemacht und – besonders wichtig – untereinander verglichen werden. „Sucht im Alter ist ein Thema und darf nicht weiter tabuisiert werden. Denn die demografische Entwicklung sagt uns eindeutig, dass dieses Problem nicht kleiner, sondern eher größer wird. Wir brauchen dazu umfassende Aufklärungs- und Präventionsarbeit“, sagt Prim .Univ.-Prof. Dr. Friedrich Wurst, Vorstand  der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II an der Christian-Doppler-Klinik Universitätsklinikum Salzburg.

Informationsmaterial
Im Projektverlauf hat das Team rund um Univ.-Prof. Dr. Wurst ein Handbuch für Angehörige und Mitarbeiter der stationären und ambulanten Pflege sowie Kurzfolder zu den Themen Alkohol und Medikamentenabhängigkeit für Ärzte, Pflege und Betroffenen sowie deren Angehörige entworfen. Dieses können Interessierte an der UK für Psychiatrie und Psychotherapie II anfordern. 

Bewusstseinsbildung als wichtiger nächster Schritt
Bei älteren Menschen wird das Thema Sucht, im Gegensatz zu Jugendlichen und Erwachsenen im mittleren Lebensalter, kaum thematisiert. Gerade durch die demografische Entwicklung, in der der Anteil älterer Menschen in der Gesamtbevölkerung kontinuierlich ansteigt, wird eine zunehmende Beschäftigung mit dem Thema Sucht im Alter jedoch immer wichtiger. Daraus entstehen auch vielfach Probleme, die es früher kaum gab und die durch diese Entwicklung vermehrt auftreten. Bewusstseinsbildung steht an erster Stelle.
„Auch aufgrund der hervorragenden medizinischen Versorgung werden die Menschen immer älter. Das ist gut so. Unser Ziel muss es aber sein, gesund alt zu werden und die Eigenständigkeit so lange es möglich ist zu bewahren. Zu viele Medikamente sind da kontraproduktiv. Erschwerend kommt hier hinzu, dass spezielle therapeutische Angebote im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen von Senioren und Pflegebedürftigen bislang in der deutschen und österreichischen Suchtkrankenhilfe noch weitgehend fehlen. Hier braucht es vermehrt Sensibilisierung und Aufmerksamkeit“, betont Walter Steidl, Landesrat für Gesundheit, Landesanstalten und Soziales.

EU Förderung und regionale Unterstützung
Für das INTERREG-Projekt „Sucht und Alter“ wurden Gesamtkosten in der Höhe von 442.406,- Euro veranschlagt. Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung übernahm über sein Programm INTERREG IV A Bayern/Österreich 60 % der Kosten – umgerechnet 265.443,- Euro. Dies entspricht der maximal möglichen Förderung der EU. Die restlichen 40% wurden regional von Salzburg und Bayern finanziert. Die SALK unterstützte das Projekt mit insgesamt 123.976 Euro, die Caritas Bad Reichenhall stellte durch eine Kofinanzierung des Bayrischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit insgesamt 52.987 Euro zur Verfügung. Nach der veranschlagten Projektdauer von drei Jahren entstehen keine weiteren Folgekosten.
„Das dreijährige Projekt „Sucht und Alter“ ist durch seine Überregionalität sehr wichtig. Es stärkt die grenznahe Zusammenarbeit und lässt uns über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus an der Thematik Sucht im Alter gemeinsam für unsere Bevölkerung arbeiten. Eine Unterstützung war uns aus diesem Grunde sehr wichtig. Der Bezirk Oberbayern unterstützt das Projekt ideel und fachlich, aber auch indirekt durch die Finanzierung der Suchtberatungsstelle.“ betont Bezirkstagsabgeordneter Wetzelsperger, die besondere Bedeutung des INTERREG IV A Projektes.

Der Bezirk Oberbayern ist als Träger der überörtlichen Sozialhilfe zuständig für die Finanzierung der Behandlung von Suchtkranken in Oberbayern. Das Interesse des Bezirks an diesem Projekt gilt daher speziell den Ergebnissen in der Versorgungsforschung.

„Wir erhoffen uns Erkenntnisse über eine Verbesserung der Versorgungsstruktur und die Optimierung der Vernetzung vor allem von bestehenden ambulanten und stationären Angeboten verschiedener Kostenträger und Versorgungssysteme (z.B. Altenhilfe, Suchthilfe, hausärztlicher und klinischer Versorgung).“ so Wetzelsperger weiter.

INTERREG – überregionale Zusammenarbeit zwischen Grenzgebieten
INTERREG ist ein Förderprogramm aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) zur Unterstützung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Die Ziele des Programmes sind u.a. der weitere Abbau von grenzbezogenen Barrierewirkungen, die Erhöhung der Lebensqualität, die verstärkt grenzüberschreitende Zusammenarbeit sowie die Verbesserung der Attraktivität des Grenzraums für die Bevölkerung. „Mit diesem Projekt schaffen wir in unserer EuRegio Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein Grundlagen, die sich dann von den Erkenntnissen her auch in anderen Grenzregionen weiter verwenden lassen. Dies entspricht auch den Zielsetzungen der Europäischen Union, die mit ihren Fördermitteln Anschubfinanzierung für Pilotprojekte leistet, die dann auch an anderen Stellen weiter aufgegriffen werden können“, zeigt sich EuRegio-Geschäftsführer Steffen Rubach über den Projektansatz erfreut. Die regionalen Besonderheiten im Hinblick auf die demografische Entwicklung sowie die Konstellation rund um ein zentrales Forschungszentrum wie die Christian-Doppler-Klinik Salzburg waren dabei für die positive Förderentscheidung ganz wesentliche Faktoren.


Als Gesprächspartner stehen Ihnen zur Verfügung:

  • Walter Steidl Landesrat für Gesundheit, Landesanstalten und Soziales
  • Univ.-Prof. Dr. Friedrich M. Wurst Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II
  • Steffen Rubach    Geschäftsführer EuRegio
  • Rainer Hoffmann      Geschäftsführer Caritas Bad  Reichenhall
  • Georg Wetzelsperger  Bezirksrat Oberbayern


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Allgemeine Rückfragen: 
Mag. Mick Weinberger 
Leiterin Unternehmenskommunikation & Marketing, Pressesprecherin 
Gemeinnützige Salzburger Landesklinik Betriebsges.m.b.H. 
Tel: +43 (0) 662 4482–1007 
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