„Erleben eine Epidemie der körperlichen Inaktivität“
Professor Niebauer ist überzeugt: „Sport als Therapeutikum für Prävention und Rehabilitation hat einen ganz zentralen Stellenwert. Wir erleben gerade eine Epidemie der körperlichen Inaktivität und es ist eine Aufgabe, aber auch eine Chance für die Sportmedizin, einen bedeutenden Beitrag zu leisten.“
Ein solcher Beitrag könnte es sein, Sport als Therapie zu verordnen. Selbst bei Menschen mit Herzproblemen ist Sport ein wichtiges Therapeutikum. „Sporttreiben trotz Herzinfarkt ist kein Widerspruch“, ist Niebauer überzeugt. „Im Gegenteil: Ausdauersport ist die beste Medizin.“ Mittlerweile steht laut Niebauer fest: „Herzkranke Sportler haben eine bessere Prognose als herzkranke Nichtsportler.“ Nachdem über mehrere Jahrzehnte nach einem Herzinfarkt körperliche Schonung empfohlen wurde, wird dieser Rat nun revidiert.
„‚Sport wird unterdosiert eingesetzt“
Der steigende Bewegungsmangel der Kinder und Jugendlichen wird in den westlichen Industrieländern in absehbarer Zeit zu einem dramatischen Anstieg bei Herzinfarkten und Schlaganfällen führen. Vom präventiven Nutzen der Ausdauersportart wie dem Laufen sind mittlerweile viele Menschen überzeugt – auch wenn sie sich selbst nicht dazu motivieren können. Ausdauersport als Therapeutikum hat sich hingegen noch wenig durchgesetzt„‚und wird nach wie vor unterdosiert empfohlen“, sagt der Sportmediziner Niebauer.
Ausdauersport stabilisiert „Verkalkungen“
Beim Ausdauertraining schlägt das Herz schneller und pumpt mehr Blut in die Gefäße. Für die verkalkten Blutgefäße eines klassischen Herz-Kreislaufpatienten bedeutet ein stärkerer Blutfluss eine erhöhte Scherkraft an den Gefäßinnenwänden. „Die Verkalkungen, die Mediziner auch Plaques nennen, verschwinden dadurch zwar nicht“, erklärt Niebauer. „In der Gefäßwand werden jedoch Substanzen freigesetzt, die zu einer Stabilisierung dieser Plaques führen.“ Bei einem akuten Herzinfarkt reißen diese Plaques auf, die Blutgerinnsel bleiben daran hängen und die Gefäße sind plötzlich nicht mehr durchgängig. „Daher ist der Effekt eines stabilen Plaques bereits ein nachhaltiger“, sagt der Mediziner. „Für Menschen, die ihren ersten Herzinfarkt schon hinter sich haben, kann regelmäßiges Laufen einen zweiten Infarkt sogar verhindern.“
Studien von Professor Niebauer sowie amerikanische Arbeitsgruppen zeigen, dass es bei einzelnen PatientInnen sogar zu einer Verringerung der Plaques gekommen ist. Über die Dauer und die Intensität des Lauftrainings entscheidet Niebauer immer erst nach einer genauen individuellen Diagnostik. Für ihn steht fest: „Regelmäßiges Ausdauertraining macht Herz-Kreislaufkranke belastbarer und die Freude darüber, dass körperliche Beschwerden verschwinden, stellen eine tolle Belohnung und Motivation dar.“
Jeder weiß es, kaum einer tut was
Dass Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck schlecht für den Körper ist, wissen fast alle. Nur wenige ändern jedoch ihren Lebensstil entsprechend. Welche Bedeutung körperliche Aktivität für die Gesundheit hat, ist noch wenig bekannt und ist selten Gesprächsthema zwischen ÄrztInnen und PatientInnen. Der inaktive Lebensstil ist häufig bereits in einem stabilen Verhaltensmuster gefestigt. Eine Änderung dessen wird aus einer Vielzahl von „Gründen“ abgelehnt: Berufliche Belastung, Zeitmangel, Mangel an geeigneter Umgebung etc. Viele überschätzen ihre körperliche Aktivität bei Hausarbeit oder Spazierengehen völlig.
Risikofaktorenmanagement
Regelmäßiges körperliches Training hilft PatientInnen mit bestehenden Risikofaktoren diese zu behandeln, und das Erkrankungsrisiko an den Spätfolgen zu verhindern. PatientInnen müssen hinsichtlich Lebensstilveränderungen wie Gewichtsabnahme, Umstellung der Diät oder Nikotinverzicht beraten werden. Gemeinsam mit konsequenter medikamentöser Therapie der Risikofaktoren Hypertonie, Hyperlipidämie und Diabetes können diese Maßnahmen wesentlich zu einer höheren Überlebenschance beitragen. „Neben den klassischen Therapie hat sich körperliches Training in den letzten Jahrzehnten als ein effektives Therapeutikum erwiesen, auf das bei keinem Patienten verzichtet werden sollte“, sagt der Vorstand des Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin der PMU. „Denn nur Lebensstilveränderungen, die Ernährungsumstellung und regelmäßiges körperliches Training beinhalten, greifen an der Ursache der Erkrankung an.“
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